Als Schulleiter bin ich an ziemlich unterschiedlichen Dingen hängengeblieben – aber kaum je an denen, für die es ein Formular gab. Stundenpläne, Budgets, Baumaßnahmen: Das ist Arbeit, oft ziemlich viel davon, aber im Grunde lösbar. Was eine Organisation wirklich ins Stocken bringt, sieht anders aus: ob jemand in einer Konferenz zugeben kann, dass er gerade nicht weiterweiß. Ob ein Fehler besprochen wird oder nur verwaltet. Ob eine neue Idee als Angebot ankommt oder als Angriff.
Genau das beschreibt meine heutige Arbeit ziemlich gut – und ist der Grund, warum ich mittlerweile Teil der Werkstatt für Zusammenarbeit bin.
Ein Umweg über die Physik
Angefangen habe ich woanders. Mein Master ist in Physik, geforscht habe ich im Nanomagnetismus – an Effekten, die man nur mit ein paar Umwegen überhaupt sichtbar machen kann. Was mir davon geblieben ist, ist weniger das Fachwissen als eine Arbeitsweise: Vermutung, Messung, Irrtum, bessere Vermutung. Im Labor ist ein widerlegtes Ergebnis kein Scheitern, sondern Information. Man ärgert sich kurz – und weiß danach mehr.
Diese Selbstverständlichkeit fehlt in vielen Organisationen komplett. Dort ist der Irrtum kein Erkenntnisschritt, sondern ein Zurechnungsproblem: Wer war’s? Wer hätte es merken müssen? Sobald das die erste Frage ist, hört das Lernen auf. Und zwar bei allen, die zusehen.
Ein Beruf, der sich selbst überflüssig macht
Danach kamen die Jahre, die mich am meisten geprägt haben: als Lehrer, Fachleiter, Didaktiker und Ausbilder, später in der Schulleitung. Pädagogik hat einen Kern, den kaum ein anderer Beruf so konsequent zu Ende denkt – der Erfolg bemisst sich daran, irgendwann nicht mehr gebraucht zu werden. Wer unterrichtet, arbeitet auf den Moment hin, in dem jemand ohne einen selbst weiterlernt.
Dasselbe Prinzip finde ich in der Mediation wieder. Meine Aufgabe ist dort nicht, die Lösung mitzubringen, sondern das Gespräch überhaupt erst möglich zu machen, in dem die Beteiligten ihre eigene finden. Und ich kenne es aus Zusammenhängen, die auf den ersten Blick meilenweit auseinanderliegen: aus zwei Jahrzenten bei den Pfadfindern, aus der Arbeit in einem queeren Jugendtreff, aus interkulturellen Kontexten zwischen Kamerun, Japan und Deutschland. Überall ging es im Kern um dasselbe: Räume schaffen, in denen Menschen etwas ausprobieren, das sie sich vorher nicht zugetraut hätten – und in denen Verständigung über Unterschiede hinweg gelingt, statt an ihnen zu zerbrechen.
Genau darum geht es im Kern auch bei psychologischer Sicherheit – einem Begriff, den die Harvard-Professorin Amy Edmondson geprägt hat. Sie hat es einmal so auf den Punkt gebracht:
Auf Deutsch: Psychologische Sicherheit steht nicht im Widerspruch zu schwierigen Gesprächen – sie ist vielmehr das, was uns ermöglicht, schwierige Gespräche zu führen. Genau darum geht es mir auch, wenn ich mit Teams an ihrer Fehlerkultur arbeite.
Dazu kommt eine Neigung, die ich lange für ein reines Privatvergnügen gehalten habe: Ich baue gern Werkzeuge. Fehlt mir für ein Problem das passende Instrument, entsteht bei mir inzwischen ziemlich zuverlässig eine kleine Anwendung dafür – mit KI-Unterstützung und deutlich mehr Ausdauer als Eleganz. Das ist keine Technikbegeisterung. Das ist Handwerk. Und in einer Werkstatt ist das kein Nebenschauplatz, sondern ziemlich genau der Punkt.
Warum eine Werkstatt und keine Beratung
Als ich die Werkstatt für Zusammenarbeit kennengelernt habe, hat mich zuerst nicht das Angebot überzeugt, sondern die Konstruktion.
Die Werkstatt ist keine Firma mit Angestellten – und auch kein loses Netzwerk von Freiberuflern, die sich gegenseitig Kundenkontakte zuschieben. Sie funktioniert eher wie eine berufliche Wohngemeinschaft: ideell, nicht räumlich. Jede und jeder bringt einen Teil der eigenen Aufträge mit in die Werkstatt und gibt darüber auch einen finanziellen Anteil in die Gemeinschaft. Geteilt werden Ideen, Materialien und, ja, tatsächlich auch Kundenbeziehungen. Perspektivisch soll die Werkstatt ihren Mitgliedern sogar ein Grundeinkommen ermöglichen, damit wirtschaftlich dünnere Phasen von der Gemeinschaft aufgefangen werden.
Ohne Vertrauen bricht dieses Modell sofort in sich zusammen. Deshalb kann es auch niemand einfach nur behaupten.
Der zweite Punkt hat mich endgültig überzeugt. Viele Beratungen leben, ob sie es zugeben oder nicht, ziemlich gut davon, gebraucht zu werden. Die Werkstatt will das Gegenteil: Organisationen sollen uns irgendwann nicht mehr brauchen. Selbstwirksamkeit ist bei uns kein Zusatzversprechen, sondern der eigentliche Zweck. Als ich das gehört habe, musste ich an meiner Haltung nichts anpassen – ich habe sie zum ersten Mal in einem Geschäftsmodell wiedergefunden.
Was das für die gemeinsame Arbeit heißt
In der Werkstatt bringt jede Person ihre eigene Werkbank mit. Frank arbeitet an gelingenden, Anna an resilienten, Patrick an messbaren, Jenny an gestaltenden Formen der Zusammenarbeit. Mein Platz ist der des Lernens: kommunikative Organisationskultur, psychologische Sicherheit, eine Fehlerkultur, in der Irrtümer besprechbar sind – und Bildungseinrichtungen auf ihrem Weg zur lernenden Organisation.
Praktisch heißt das: Ich komme nicht mit einem fertigen Konzept aus dem Regal. Wir machen einen Entwurf, probieren ihn aus, schauen gemeinsam genau hin, justieren nach und probieren wieder. Manches wird verworfen, anderes bleibt und wird besser. Meine Erfahrung stammt vor allem aus Schulen und Bildungseinrichtungen, aber ehrlich gesagt ähneln sich die Fragen in Unternehmen mehr, als beide Seiten oft vermuten würden: Wie treffen wir Entscheidungen? Woran merken wir eigentlich, dass etwas nicht funktioniert? Und traut sich das dann auch jemand zu sagen?
Wer eine schnelle Antwort auf diese Fragen sucht, ist bei mir ehrlich gesagt falsch. Wer Lust hat, sie wirklich ernsthaft zu bearbeiten, findet in mir einen ziemlich hartnäckigen Begleiter.
Fertig wird man dabei übrigens nie. In einer Werkstatt ist das aber kein Mangel – das ist die Arbeitsgrundlage.


