Warum ich in eine Werk­statt gegangen bin

Vier Menschen stehen gemeinsam vor einem Flipchart mit bunten Moderationskarten in einem Workshop-Raum

Als Schul­leiter bin ich an ziemlich unter­schiedlichen Dingen hängen­geblieben – aber kaum je an denen, für die es ein Formular gab. Stunden­pläne, Budgets, Bau­maßnahmen: Das ist Arbeit, oft ziemlich viel davon, aber im Grunde lösbar. Was eine Organisation wirklich ins Stocken bringt, sieht anders aus: ob jemand in einer Konferenz zugeben kann, dass er gerade nicht weiterweiß. Ob ein Fehler besprochen wird oder nur verwaltet. Ob eine neue Idee als Angebot ankommt oder als Angriff.

Solche Bedingungen lassen sich nicht anordnen. Man kann sie nur ermöglichen.

Genau das beschreibt meine heutige Arbeit ziemlich gut – und ist der Grund, warum ich mittlerweile Teil der Werk­statt für Zusammen­arbeit bin.

Ein Umweg über die Physik

Angefangen habe ich woanders. Mein Master ist in Physik, geforscht habe ich im Nano­magnetismus – an Effekten, die man nur mit ein paar Umwegen überhaupt sichtbar machen kann. Was mir davon geblieben ist, ist weniger das Fach­wissen als eine Arbeits­weise: Vermutung, Messung, Irrtum, bessere Vermutung. Im Labor ist ein wider­legtes Ergebnis kein Scheitern, sondern Information. Man ärgert sich kurz – und weiß danach mehr.

Diese Selbst­verständlichkeit fehlt in vielen Organisationen komplett. Dort ist der Irrtum kein Erkenntnis­schritt, sondern ein Zurechnungs­problem: Wer war’s? Wer hätte es merken müssen? Sobald das die erste Frage ist, hört das Lernen auf. Und zwar bei allen, die zusehen.

Ein Beruf, der sich selbst über­flüssig macht

Danach kamen die Jahre, die mich am meisten geprägt haben: als Lehrer, Fach­leiter, Didaktiker und Aus­bilder, später in der Schul­leitung. Pädagogik hat einen Kern, den kaum ein anderer Beruf so konsequent zu Ende denkt – der Erfolg bemisst sich daran, irgendwann nicht mehr gebraucht zu werden. Wer unterrichtet, arbeitet auf den Moment hin, in dem jemand ohne einen selbst weiterlernt.

Dasselbe Prinzip finde ich in der Mediation wieder. Meine Aufgabe ist dort nicht, die Lösung mitzubringen, sondern das Gespräch überhaupt erst möglich zu machen, in dem die Beteiligten ihre eigene finden. Und ich kenne es aus Zusammen­hängen, die auf den ersten Blick meilen­weit auseinander­liegen: aus zwei Jahrzenten bei den Pfadfindern, aus der Arbeit in einem queeren Jugend­treff, aus inter­kulturellen Kontexten zwischen Kamerun, Japan und Deutschland. Überall ging es im Kern um dasselbe: Räume schaffen, in denen Menschen etwas ausprobieren, das sie sich vorher nicht zugetraut hätten – und in denen Verständigung über Unter­schiede hinweg gelingt, statt an ihnen zu zerbrechen.

Genau darum geht es im Kern auch bei psychologischer Sicher­heit – einem Begriff, den die Harvard-Professorin Amy Edmondson geprägt hat. Sie hat es einmal so auf den Punkt gebracht:

„Psychological safety is not at odds with having tough conversations – it is what allows us to have tough conversations.“Amy Edmondson, Harvard Business School

Auf Deutsch: Psychologische Sicherheit steht nicht im Widerspruch zu schwierigen Gesprächen – sie ist vielmehr das, was uns ermöglicht, schwierige Gespräche zu führen. Genau darum geht es mir auch, wenn ich mit Teams an ihrer Fehler­kultur arbeite.

Dazu kommt eine Neigung, die ich lange für ein reines Privat­vergnügen gehalten habe: Ich baue gern Werk­zeuge. Fehlt mir für ein Problem das passende Instrument, entsteht bei mir inzwischen ziemlich zuverlässig eine kleine Anwendung dafür – mit KI-Unter­stützung und deutlich mehr Ausdauer als Eleganz. Das ist keine Technik­begeisterung. Das ist Hand­werk. Und in einer Werk­statt ist das kein Neben­schauplatz, sondern ziemlich genau der Punkt.

Warum eine Werkstatt und keine Beratung

Als ich die Werk­statt für Zusammen­arbeit kennengelernt habe, hat mich zuerst nicht das Angebot überzeugt, sondern die Konstruktion.

Die Werk­statt ist keine Firma mit Angestellten – und auch kein loses Netz­werk von Frei­beruflern, die sich gegenseitig Kunden­kontakte zuschieben. Sie funktioniert eher wie eine berufliche Wohn­gemeinschaft: ideell, nicht räumlich. Jede und jeder bringt einen Teil der eigenen Aufträge mit in die Werk­statt und gibt darüber auch einen finanziellen Anteil in die Gemeinschaft. Geteilt werden Ideen, Materialien und, ja, tatsächlich auch Kunden­beziehungen. Perspektivisch soll die Werk­statt ihren Mitgliedern sogar ein Grund­einkommen ermöglichen, damit wirtschaftlich dünnere Phasen von der Gemein­schaft aufgefangen werden.

Vertrauen steht bei uns nicht als Wert auf einer Folie – es ist die Statik des Ganzen.

Ohne Vertrauen bricht dieses Modell sofort in sich zusammen. Deshalb kann es auch niemand einfach nur behaupten.

Der zweite Punkt hat mich endgültig überzeugt. Viele Beratungen leben, ob sie es zugeben oder nicht, ziemlich gut davon, gebraucht zu werden. Die Werk­statt will das Gegen­teil: Organisationen sollen uns irgend­wann nicht mehr brauchen. Selbst­wirksamkeit ist bei uns kein Zusatz­versprechen, sondern der eigentliche Zweck. Als ich das gehört habe, musste ich an meiner Haltung nichts anpassen – ich habe sie zum ersten Mal in einem Geschäfts­modell wieder­gefunden.

Was das für die gemeinsame Arbeit heißt

In der Werk­statt bringt jede Person ihre eigene Werk­bank mit. Frank arbeitet an gelingenden, Anna an resilienten, Patrick an messbaren, Jenny an gestaltenden Formen der Zusammen­arbeit. Mein Platz ist der des Lernens: kommunikative Organisations­kultur, psychologische Sicherheit, eine Fehler­kultur, in der Irrtümer besprechbar sind – und Bildungs­einrichtungen auf ihrem Weg zur lernenden Organisation.

Praktisch heißt das: Ich komme nicht mit einem fertigen Konzept aus dem Regal. Wir machen einen Entwurf, probieren ihn aus, schauen gemeinsam genau hin, justieren nach und probieren wieder. Manches wird verworfen, anderes bleibt und wird besser. Meine Erfahrung stammt vor allem aus Schulen und Bildungs­einrichtungen, aber ehrlich gesagt ähneln sich die Fragen in Unter­nehmen mehr, als beide Seiten oft vermuten würden: Wie treffen wir Entscheidungen? Woran merken wir eigentlich, dass etwas nicht funktioniert? Und traut sich das dann auch jemand zu sagen?

Wer eine schnelle Antwort auf diese Fragen sucht, ist bei mir ehrlich gesagt falsch. Wer Lust hat, sie wirklich ernsthaft zu bearbeiten, findet in mir einen ziemlich hartnäckigen Begleiter.

Fertig wird man dabei übrigens nie. In einer Werk­statt ist das aber kein Mangel – das ist die Arbeits­grundlage.

Mehr über die Werkstatt für Zusammenarbeit und die Menschen darin: werkstatt-fuer-zusammenarbeit.de

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