Dasselbe vor Augen. Unterschiedliche Vorstellungen im Kopf.
Was Menschen brauchen, um sich Inhalte zu erschließen und zunehmend selbst weiterzukommen.
Im dritten Semester saß ich in einer Quantenmechanik-Vorlesung. Auf den Folien stand viel Mathematik. Mir fehlte häufig der Zugang dazu, was diese Herleitungen bedeuteten. Die Frage »Ist Ihnen das intuitiv evident?« half mir wenig. Bis ich meine eigene Frage hätte formulieren können, ging es bereits weiter.
Gegen Ende des Semesters besprachen wir die Ergebnisse einer studentischen Evaluation. Der Dozent war überrascht: Wie konnte seine Vorlesung gleichzeitig langweilig und zu schnell sein? Und warum bewerteten wir das Skript schlecht, obwohl es den Stoff so vollständig enthielt?
Für mich passte das zusammen. Ich konnte dem Gedankengang nicht folgen und fand zugleich wenig, woran meine Neugier anknüpfen konnte. Mehr Inhalt auf den Folien löste dieses Problem nicht.
Fachliche Tiefe braucht einen Zugang
Im folgenden Semester besuchte ich die Vorlesung bei einem anderen Professor noch einmal. Natürlich brachte ich inzwischen auch mehr Vorwissen mit. Entscheidend war für mich aber, wie er daran anknüpfte.
Er nahm sich mehr Raum für die Phänomene: Was wird hier eigentlich beschrieben? Die mathematische Beschreibung bekam dadurch für mich Bedeutung. Die fachliche Tiefe blieb erhalten, aber die gedanklichen Schritte waren so bemessen, dass ich ihnen folgen konnte.
Auch hatte jede Vorlesung erkennbare Kernbotschaften. Ich konnte besser einordnen, worum es an diesem Tag ging und wie die einzelnen Schritte zusammenhingen. Das war ein anderer Zugang als ein umfangreiches Skript, dessen nächste Folien die nächsten 90 Minuten füllten.
Diese Erfahrung beschäftigt mich bis heute: Was für die erklärende Person schlüssig ist, müssen sich Lernende erst erschließen.
Lernen gestalten – und selbst dazulernen
Im Vorbereitungsdienst begann meine intensive didaktische Aus- und Weiterbildung. Seitdem hat sich mein Blick mit jeder Unterrichtssituation, jeder selbst gestalteten oder besuchten Fortbildung und jeder begleiteten Lehrprobe weiterentwickelt. Als Lehrer, Mentor, Schulleiter und Prüfungsvorsitzender habe ich Lernen gestaltet, Entwicklung begleitet und Leistungen beurteilt.
Die didaktische Frage verbindet diese unterschiedlichen Rollen: Wie entsteht aus dem, was wir anbieten, eine Lerngelegenheit, mit der die Menschen tatsächlich etwas anfangen können?
Wer ein Thema gut kennt, sieht Zusammenhänge, für die andere noch einzelne Bausteine suchen. Deshalb beginnt die Gestaltung eines Lernangebots für mich mit der Frage: Wo stehen die Menschen, die hier etwas lernen sollen – und was sollen sie anschließend selbst erklären, entscheiden oder tun können?
Daraus entsteht ein Lernweg: Welche Vorstellung trägt schon? Was muss zunächst anschaulich werden? Welche Aufgabe fordert zum eigenen Denken heraus? Die verfügbare Zeit bekommt eine gedankliche Struktur.
Was sollen die Lernenden selbst tun?
Eine verständliche Erklärung ist wertvoll. Ebenso wichtig ist, was die Lernenden selbst mit einem Gedanken tun. Daraus ergeben sich unterschiedliche Aufgaben: Wer einen Zusammenhang verstanden hat, kann ihn vielleicht an einem eigenen Beispiel erläutern. Wer ein Konzept anwenden soll, muss entscheiden können, wann es zu einer Situation passt – und wann nicht. Wer ein schwieriges Gespräch führen möchte, braucht Gelegenheit, Gesprächsführung auszuprobieren.
Solche Aufgaben machen Denken sichtbar. Die Lernenden bemerken, wo ihre Vorstellung trägt und wo Fragen entstehen. Das eigene Erklären, Vergleichen, Entscheiden und Ausprobieren ist dabei selbst Teil des Lernens.
Herausfordernd – und erreichbar
Ich mag die Webcomics von Sketchplanations, weil sie Gedanken mit wenigen Strichen anschaulich machen. Einer davon beschreibt Goldilocks Tasks: Aufgaben, deren Schwierigkeit zum eigenen Können passt – weder zu leicht noch überwältigend schwer.

Translated from Sketchplanations. Deutsche Übersetzung: Benjamin Ehlers.
Für meine didaktische Arbeit ist das ein hilfreiches Bild. Ich möchte Aufgaben so gestalten, dass Menschen sich strecken müssen und zugleich einen Ansatz finden, wie sie weiterkommen können. Was dafür passt, ist von Person zu Person verschieden. Dieselbe Aufgabe kann für jemanden Routine sein und für jemand anderen schon am Einstieg scheitern.
Deshalb gehört für mich zur Aufgabe auch die Frage nach der Unterstützung. Ein Beispiel, eine Skizze, ein Hinweis oder ein gemeinsamer erster Schritt können einen Zugang eröffnen. Wer schon weiter ist, kann Zusammenhänge vertiefen, verschiedene Lösungswege vergleichen oder die eigene Idee an einem schwierigeren Fall prüfen.
Das verlangt Aufmerksamkeit während des Lernens. Wenn jemand stockt, möchte ich verstehen, woran: Fehlt ein Begriff? Ist der nächste Schritt zu groß? Ist die Aufgabe unklar? Oder braucht die Person gerade Zeit, um selbst weiterzudenken? Davon hängt ab, ob ich eingreife und welche Hilfe sinnvoll ist.
Unverständnis muss Platz haben
In meiner Quantenmechanik-Vorlesung fehlte mir schon die Zeit, aus meinem Unverständnis eine Frage zu machen. Die Gelegenheit zum Nachfragen muss deshalb mehr sein als ein kurzer Zwischenruf, bevor es weitergeht.
Ich möchte Lernenden Zeit geben, ihre Gedanken zu ordnen: Was habe ich nachvollzogen? Wo verliere ich den Faden? Manchmal hilft es, zunächst etwas aufzuschreiben oder sich zu zweit auszutauschen. Daraus kann eine Frage entstehen, die im großen Kreis noch nicht formulierbar war.
Zur Denkzeit kommt die Frage, wie wir mit dem umgehen, was dann sichtbar wird. Wenn jemand einen Irrtum zeigt oder eine vermeintlich einfache Frage stellt, möchte ich damit so arbeiten, dass weitere Fragen möglich bleiben.
Fehler als Chance ist für mich dabei ein wichtiges didaktisches Instrument. Eine fachlich falsche Antwort kann zeigen, welche Vorstellung dahintersteckt. Statt nur zu korrigieren, möchte ich den Gedankengang verstehen: Wie bist du darauf gekommen? Bis wohin trägt deine Überlegung? An welcher Stelle müssen wir genauer hinschauen? So wird der Fehler zum Ausgangspunkt, um Vorstellungen zu überprüfen und Zusammenhänge weiterzuentwickeln. Daran kann ich meine weitere Lernbegleitung ausrichten.
Ein solcher Fehler kann ein Geschenk an die Lerngemeinschaft sein. Vielleicht beschäftigt dieselbe Frage auch andere, die sich bisher nicht getraut haben, sie auszusprechen. Sie erleben: Ich bin mit meiner Unsicherheit nicht allein. Wenn wir die zugrunde liegende Vorstellung gemeinsam untersuchen und klären, wird aus dem Fehler einer Person eine Lerngelegenheit für alle.
Psychologische Sicherheit wird für mich hier konkret: Darf ich zeigen, dass ich etwas noch nicht kann? Kann ich widersprechen, einen anderen Weg ausprobieren oder um Unterstützung bitten? Als Lehrender beeinflusse ich das durch meine Reaktion – und dadurch, ob ich bereit bin, auch meine Erklärung oder Aufgabenstellung zu überprüfen.
Dabei muss klar sein: Wird hier ausprobiert und gemeinsam weitergedacht, oder wird eine Leistung beurteilt? Aus meinen unterschiedlichen Rollen kenne ich beide Perspektiven. Diesen Unterschied möchte ich transparent machen, statt Offenheit einzufordern und anschließend jeden sichtbaren Fehler zu bewerten.
Zunehmend selbst weiterkommen

Mein Ziel ist, dass Lernende immer mehr selbst übernehmen können: einen nächsten Schritt wählen, das eigene Vorgehen prüfen, Unterstützung gezielt nutzen und mit dem Gelernten auch in einer veränderten Situation etwas anfangen.
Dafür möchte ich Rückmeldungen so gestalten, dass sie Orientierung für die Weiterarbeit geben. Was gelingt bereits? Woran wird das sichtbar? Was könnte der nächste Schritt sein? Mit der Zeit sollen Lernende diese Fragen auch selbst beantworten und einander hilfreiche Rückmeldungen geben können.
Zum Lernen gehört für mich deshalb auch der Blick auf den eigenen Lernweg: Was hat mir geholfen, einen Zusammenhang zu verstehen? Wie bin ich mit einer Schwierigkeit umgegangen? Was kann ich davon beim nächsten Mal nutzen? So wird neben dem fachlichen Können auch das eigene Lernen zum Gegenstand der Entwicklung.
Diese Fragen begleiten mich heute, wenn ich mit Menschen arbeite, die selbst andere ins Lernen bringen. Gemeinsam schauen wir auf ihre Inhalte, Aufgaben und Erfahrungen und entwickeln daraus nächste Schritte für ihre Praxis.
Die Frage aus meiner Quantenmechanik-Vorlesung würde ich heute deshalb anders stellen: Was können die Lernenden sich gerade erschließen – und was brauchen sie, um selbst weiterzukommen?
Zum Weiterdenken
Wo wird in deinem Lernangebot sichtbar, wie die Teilnehmenden denken?
Und was könntest du mit dem anfangen, was dabei sichtbar wird?
Lernen wirksam gestalten
Was bedeutet das für dein Lernangebot?
Im didaktischen Sparring schauen wir gemeinsam auf deine Inhalte, Aufgaben und die Menschen, die damit lernen sollen. Du kannst eine erste Idee mitbringen oder einen vorhandenen Entwurf.
